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Der Arbeitsmarkt 2020: Versorger, Spezialisten und Expatriats



Was ist das Gegenteil eines Arbeitslosen: ein Arbeitsbesitzer. In Neapel konnte man früher Arbeit kaufen. Ein Job als städtischer Busfahrer kostete beispielsweise vor zwanzig Jahren 5 Millionen Lire, rund 10.000 damalige Mark. Ganze Familien legten zusammen, um das Bestechungsgeld aufzubringen. Outsourcing

In Italien gibt es zwei Klassen von Beschäftigten: die mit Festanstellung, und die ohne. In einem grossen Verlag mit mehreren hundert Beschäftigten gibt es nur 12 Festangestellte, der Rest sind Kurzzeitkräfte, die turnusmässig ein- und ausgestellt werden um zu verhindern, dass sie ein Recht auf Festanstellung einklagen können. Mit nur 12 Festbestallten bleibt der Verlag offiziell ein Kleinbetrieb unterhalb der Grenze zur gewerkschaftlichen Mitbestimmung. Die Festen verdienen bei gleicher Qualifikation und Arbeit leicht das Doppelte der freien Mitarbeiter, und verteidigen mit Hingabe ihr Privileg.

Auch in Deutschland ist der Trend zum Outsourcing des Personals inzwischen eindeutig. Je weniger eigenes Personal, desto besser für das Unternehmen, denn der Ärger und die Kosten, während einer Auftragsflaute Mitarbeiter entlassen zu müssen sind so enorm, dass deutsche Unternehmer äusserst kreativ in der Kunst geworden sind, Festanstellungen zu vermeiden.

Da das politische System der Bundesrepublik allenfalls kosmetische Änderungen am rigiden Arbeitsrecht gestattet, muss damit gerechnet werden, dass die Unternehmer auf lange Sicht an der Kunst der Personalvermeidung festhalten und sie weiter verfeinern werden. Deutschlands Arbeitsmarkt scheint daher dazu verurteilt, dem italienischen Vorbild zu folgen.

Millionen werden sich in einem Lebenslauf gefangen sehen, in dem sie niemals eine feste Beschäftigung haben werden. Das erwachsene Leben wird vielmehr eine unendliche Folge von Kurzzeitjobs, zeitweiser Arbeitslosigkeit und versuchter Selbständigkeit werden, bis es endgültig in Arbeitslosigkeit oder in kärglicher Frührente endet. Die in dieser Art von Lebenslauf Gefangenen sind keineswegs als minder qualifiziert zu betrachten: sie können bestens qualifiziert sein, aber einfach keine Chance zur Festanstellung gefunden haben, oder eine einzige solche Chance in jugendlichem Leichtsinn und Optimismus vertan haben.

Die Zahl dieser lebenslang vergeblich nach Festanstellung Strebenden kann durchaus die der verbleibenden Festbeschäftigten erreichen. Das volkswirtschaftliche Ergebnis dieser Entwicklung ist eine massive Senkung der Arbeitskosten. Obwohl offiziell Löhne und Gehälter auf hohem Niveau verbleiben, sinken die durchschnittlichen Kosten erheblich, wenn auf jeden Festen ein Freier kommt, der nicht nur schlechter bezahlt wird, sondern auch wenig Anspruch auf soziale Absicherung geltend machen kann.

Die Konkurrenz der Freien steigert die Ansprüche, die an die Festen gestellt werden. Unbezahlte Überstunden, nicht beanspruchter Urlaub steigern den Stress des Alltags und zwingen die Festen, aus Zeitmangel mehr Dienstleistungen vor allem im familiären und häuslichen Bereich nachzufragen. Diese Nachfrage erzeugt neue Servicegewerbe zum Beispiel im Nahrungsmittelsektor, die nur schlecht bezahlte und rasch wechselnde Tagesjobs (vor allem für Immigranten) bieten.

Der Übergang vom freien Mitarbeiter und Kurzzeitjobber zur Schwarzarbeit ist fliessend. Man kann daher von einer Polarisierung des deutschen Arbeitsmarkts in einen offiziellen und einen informellen Sektor sprechen, wobei zu informell alle Beschäftigung gerechnet werden muss, die nicht festen Charakter hat.

Produktivität, Roboter und globales Outsourcing

In Deutschland stieg in den Jahren von 1996 bis 2003 die Arbeitsproduktivität um 1,5 Prozent pro Jahr (USA: 2,2 %). Drei wichtige Faktoren haben diese Zunahme ermöglicht: erstens Rationalisierung und Entlassungen (je weniger Arbeitskräfte bei gegebener Produktion, desto höher die Arbeitsproduktivität). Zweitens halfen Innovationen, vor allem die zunehmende Nutzung von Computern, Intranet und Internet, Mitarbeiter einzusparen und die verbliebenen aufzurüsten. Drittens wurde Menschenhand zunehmend durch Industrie-Roboter ersetzt: das kleine Deutschland zählt mittlerweile ebensoviele Roboter wie die USA.

Es ist also, genau betrachtet, nicht so, dass die Deutschen nun so viel produktiver arbeiten: vielmehr ermöglicht ihnen mehr und bessere Kapitalausrüstung, zusätzliche Leistung zu erbringen. Misst man also korrekterweise die gesamte Faktorproduktivität statt der Arbeitsproduktivität, so ist Deutschlands Leistung nur um 0,8 Prozent pro Jahr gestiegen (Frankreich: 1,4 %) Eine Ziffer, die den bleiernen Jahren der Wirtschaftsflaute besser entspricht.

Gleichzeitig hat Deutschland in steigendem Umfang begonnen, Produktion und Arbeitsplätze ins billigere Ausland zu verlagern, eine Strategie, die sich aufgrund der von Zahlungsbilanzüberschüssen gekennzeichneten Aussenwirtschaftsbilanz mühelos finanzieren lässt (was die USA beispielsweise neidisch über den Teich blicken lässt).

Insofern kann Deutschland die Strategie des globalen Outsourcing noch auf viele Jahre hinaus betreiben, zumal die dadurch verbilligten Produkte weltweit konkurrenzfähig bleiben und weitere Exporterfolge sichern.

Für den deutschen Arbeitsmarkt der Zukunft bedeutet dies Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, gewaltiger Umwälzungen. Versucht man, eine Vorstellung vom Arbeitsmarkt im Jahr 2020 zu gewinnen, so muss man annehmen, dass es dann im Prinzip nur noch drei Arten deutscher Arbeitsnehmer geben wird:


*	Die Versorger

* Die Spezialisten

* Die Expatriats


Die Versorger

Sichere Arbeitsplätze in Deutschland werden nur noch Jene haben, die zur Versorgung der Wohnbevölkerung benötigt werden, und nicht durch Immigranten ersetzt werden können. Diese Versorger reichen vom Bundeskanzler bis zur Hauptschullehrerin, vom Journalisten bis zum Pfarrer, vom Bankangestellten bis zum Legationsrat. Diese Gruppe wird angemessene Entlohnung und soziale Sicherheit beanspruchen und erwarten können.

Die Spezialisten

Den klassischen deutschen Arbeiter und Angestellten wird es nicht mehr geben. Handwerk, Gastronomie, Verkauf, Dienstleistungen aller Art und ungelernte Arbeit werden weitgehend von Immigranten wahrgenommen; selbst Polizei und Militär werden auf Immigranten zurückgreifen. Wer nicht mit den Einwanderern auf ihrem Lohnniveau und bei ihrer sozialen Sicherheit konkurrieren will, hat nur eine Wahl: die Spezialisierung.

Modell Schweiz: Ein Hochlohnland, dessen Arbeiter das Doppelte eines Deutschen verdienen. kann sich eine höchst profitable Industrie leisten. Deutschlands Industrieproduktion 2020 wird dem Modell Schweiz folgen. Es wird also im Inland nur noch Industrien geben, deren Mitarbeiter so ausserordentlich qualifiziert und deren Qualitätsstandards so hoch sind, dass eine Verlagerung der Produktion ins Ausland unmöglich oder unwirtschaftlich wäre.

Dabei muss man freilich bedenken, dass die Luft in diesen Höhen immer dünner wird. In Asien und in Osteuropa macht die Qualifikation der Arbeiter, Ingenieure, Wissenschaftler, Softwareentwickler und Designer Riesenfortschritte. Der Bildungsrevolution in diesen Regionen muss eine Bildungsrevolution in Deutschland entsprechen, Wer heute noch als gesuchter Spezialist gelten kann, mag morgen bereits ein Versorgungsfall sein.

Das gilt zunehmend auch für die Sektoren Management, Verwaltung, Forschung und Entwicklung jener deutschen Unternehmen, die ihre Produktion bereits global ausgegliedert haben. Mit dem Übergang der betrieblichen Leitkultur von der deutschen zur englischen, französischen (z. B. Avensis) oder anderen Sprache erweitert sich der Rekrutierungspool für Management, Forschung und Verwaltung auf Kosten deutscher Bewerber dramatisch.

Die Expatriats

Angesichts des ständig schrumpfenden Markts für deutsche Fachleute und Spezialisten bleibt für den Nachwuchs nur eine Wahl: Deutschland zu verlassen und eine internationale Karriere zu suchen. Die Voraussetzungen dafür sind günstig. Nicht nur deutsche Unternehmen brauchen für ihre Auslandsniederlassungen und Lizenzfertigungen deutsche Spezialisten und Manager; auch im Ausland sind deutsche Fachleute und Facharbeiter hoch angesehen: das Prestige einer ehedem führenden Wirtschafts- und Industriemacht hallt lange nach.

Um sich diesen Arbeitsmarkt zu erschliessen, müssen die jungen Deutschen aber von liebgewordenen Gewohnheiten Abschied nehmen. Geboren werden, leben, arbeiten und sterben an einem Ort wird eine Seltenheit werden. Bausparvertrag und Einfamilienhaus oder Eigentumswohnung sind im Leben des kommenden Expatriats kein Vorteil, sondern ein Hemmschuh. Kein Zufall, dass die reiche Schweiz die niedrigste Wohneigentumsquote in Europa hat (Italien die höchste).

Vor allem aber müssen junge Deutsche Sprachen lernen. Schulenglisch und Mallorca-Spanisch reichen nicht mehr. Der künftige deutsche Gastarbeiter in Kattowitz, der Ingenieur in Guangdong werden polnisch beziehungsweise chinesisch können müssen.

Modell Niederlande, Dänemark, Schweiz: drei Sprachen schon in der Schule gelernt, und dann vertieft. Zur beruflichen Spezialisierung wird gleich wichtig die sprachliche Qualifikation treten, damit der angehende Expatriat der deutschen Misere entrinnen kann.

Die Jugend muss begreifen, dass Deutschland zu einer Art Niederlande in etwas grösserer Ausführung wird: ein Land unter vielen, das sich Originelles einfallen lassen muss, um in der Weltwirtschaft mitzuschwimmen. Im Jahr 2020 wird China die dominierende Wirtschaftsmacht sein um die Satelliten wie die USA, die EU, Japan und Indien kreisen. Deutschland? Ach ja, das ist dort wo die Leute jeden Tag Wurst essen und an Weihnachten Lebkuchenkringel an den Baum hängen.

Künftige Expatriats werden sich nicht nur im formellen Arbeitsmarkt rekrutieren, sondern auch unter den Millionen Qualifizierter, aber Chancenloser im informellen Sektor zu finden sein. Gerade für die von den ehernen Regeln deutschen Arbeitsrechts Geschädigten ist temporäre oder dauernde Auswanderung vielleicht die einzige Chance, doch noch auf einen grünen Zweig zu kommen.

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—— Benedikt Brenner